2.
Grundbegriffe der
Lernzirkelarbeit (Willy
Potthoff)
Das augenfälligste Merkmal bei der Lernzirkelarbeit sind die einzelnen Stationen, weshalb das Verfahren häufig auch als „Stationenlernen“ bezeichnet wird. Da die Stationen jedoch stets in einem - mehr oder weniger engen - sachlogischen Bezugsverhältnis zueinander stehen und insgesamt die Lerninhalte eines Sachverhalts mit ihren unterschiedlichen Perspektiven abbilden, trifft der Begriff „Lernzirkel“ den komplexen Sachzusammenhang besonders gut.
An jeder Station muss selbstständige Arbeit möglich sein, wobei der erwartete Grad an Selbstständigkeit sehr unterschiedlich sein kann und von der Art des bereitgestellten Materials abhängt. In manchen Fällen gleicht dieses Material dem Selbstbildungsmaterial, wie es in der materialgeleiteten Freiarbeit Verwendung findet, hat Aufforderungscharakter, lässt mehrere Übungsdurchläufe zu, „zeigt“ dem Bearbeiter seine Fehler, ermöglicht ihm die Selbstkontrolle und ist auch noch stabil und ansprechend in der Form. Daneben können jedoch alle nur denkbaren Informationsquellen eingesetzt werden, wenn sie didaktisch gut aufbereitet sind. So darf das an einer Station ausgelegte Material nicht zu umfänglich sein und das Sprachvermögen der Schüler/innen nicht übersteigen. Es muss gut strukturiert sein und/oder mit einer Einführung, mit Hinweisen oder knappen klaren Aufgabenstellungen versehen werden.
Die meisten Stationen erhalten ihren Standort je nach den Platzverhältnissen im Klassenraum derart, dass möglichst alle Schüler/innen einen leichten Zugang zu ihnen haben und kein Gedränge entsteht. Die Schüler/innen arbeiten jedoch nicht unbedingt an den Stationen, sondern nehmen das bereitgestellte Arbeitsmaterial oftmals zur Bearbeitung mit an ihren Platz. Bei sehr beengten räumlichen Verhältnissen können die Stationen z. B. nebeneinander auf dem Tisch der Lehrperson oder auf den Fensterbänken aufgebaut werden.
Für einige Stationen ist jedoch ein fester Standort vorzusehen, an dem ausreichend Platz zum Arbeiten vorhanden ist. Das ist stets erforderlich, wenn größere Versuchsaufbauten oder Strom- und Wasseranschlüsse benötigt werden, wenn die Arbeit an der Station besonders viel Bewegungsfreiheit erfordert oder größere Lautstärke zu erwarten ist.
Auch Tafel und Wandkarte können solche fixen Stationen sein.
Um den Schüler/innen bei der Lernzirkelarbeit mannigfache praktische Erfahrungen zu ermöglichen, können Außenstationen in vielfältiger Form eingerichtet werden. Sie können auf dem Flur aufgebaut werden oder in einer Bibliothek liegen oder auch Aufgaben im Freien (z. B. Interviews) beinhalten.
Parallelstationen
1. Es ist
sehr sinnvoll, A-, B-, C-Stationen
(etc.) anzubieten, an denen jeweils dasselbe Teillernziel über
die Beanspruchung unterschiedlicher Sinne oder über
unterschiedliche Aktivitätsformen zu erreichen ist. Auf diese
Weise kann dem speziellen Lerninteresse und dem besonderen
Lernvermögen der einzelnen Teilnehmer/innen sehr gut entsprochen
werden.
2. Das Arbeitsmaterial einer Station kann aber auch ohne jede Variation mehrfach angeboten werden, wenn wegen einer großen Teilnehmerzahl andernfalls mit Engpässen an den Stationen gerechnet werden muss.
Wegen des unterschiedlichen Arbeitstempos der Schüler/innen kann es, besonders bei Lernzirkeln mit fester Reihenfolge der Stationen, zu Staus an einzelnen Stationen kommen. Um das zu verhindern, werden Pufferstationen eingerichtet. Das sind Stationen, an denen das zu bearbeitende Arbeitsmaterial in mehrfacher Ausfertigung ausliegt. Dabei kann es sich um Lückentexte, Silbenrätsel u. dgl. handeln, um Material also, das sich leicht in beliebiger Zahl kopieren lässt. - Bei aufwendig herzustellendem Material kann sich die Lehrperson in solchen Fällen mit dem Einrichten einer Parallelstation begnügen.
Nach Möglichkeit sollte die Kontrolle der Arbeit unmittelbar durch das Selbstbildungsmaterial erfolgen, d. h. die Richtigkeit des Denkprozesses sollte sich im entstehenden Produkt ablesen lassen, also eine empirische Selbstkontrolle sein. Allerdings gelingt es nicht immer, ein didaktisch so hervorragend aufbereitetes Selbstbildungsmaterial bereitzustellen, dass empirische Selbstkontrolle möglich ist. Andererseits sollen die Schüler/innen natürlich auch die logische Selbstprüfung, die „Innenschau“, handhaben lernen, die sich an verinnerlichten Normen orientiert und viel schwerer zu vollziehen ist.
Aus diesen Gründen wird oftmals eine eigene Kontrollstation eingerichtet, an der Materialien ausliegen, mit denen die eigenen Arbeitsergebnisse verglichen werden können.
Bei vielen Lernzirkeln ist es sinnvoll, eine Station einzurichten, an der sich die Schüler/innen über Informationskarten, aus einer bereitgestellten Kartei oder aus Büchern mit Wissen versorgen können, das sie zum selbstständigen Bearbeiten der Aufgaben an einer Station brauchen, aber nicht präsent haben.
Jeder Lernzirkel, der käuflich erworben oder von einem Kollegen / einer Kollegin übernommen wird, muss in einigen Punkten verändert bzw. erweitert werden, damit er präzise der Lernsituation der Schüler/innen der eigenen Klasse entspricht.
Manche Lernzirkel sind aber von vorneherein so konzipiert, dass bei ihnen größere Passagen verändert werden müssen, damit neue Lernzirkel entstehen. Bei der Entwicklung dieser neuen Lernzirkel sind besonders große Lernerfolge zu erwarten. Das ist zum Beispiel bei dem Lernzirkel „Peter Petersen“ der Fall, dessen Grundaussagen über die Reformpädagogik bestehen bleiben, wenn er von den Bearbeiter/innen durch völlige Veränderung einiger Stationen zu einem „Montessori-Lernzirkel“ oder einem „Freinet-Lernzirkel“ umgewandelt wird.
Eine ähnliche Situation tritt auch ein, wenn Schüler/innen die Ergebnisse der Ortserkundung eines fremden Ortes zur Verfügung gestellt werden, die sie zur Erstellung eines Lernzirkels über ihren Heimatort anregen. (Vgl. Potthoff, Lernen und üben mit allen Sinnen - Lernzirkel in der Sekundarstufe, S. 141 ff.)
Bei den meisten Lernzirkeln wird zwischen einem Fundamentum, dem Lernstoff, den alle gründlich durcharbeiten und danach beherrschen, und einem Additum unterschieden, das den speziellen Interessen der einzelnen Lernenden besonders entgegenkommt. Daraus ergeben sich Pflicht- und Wahlstationen oder die Einteilung des gesamten Lernzirkels in einen inneren (Pflicht-)Kreis und einen äußeren (Wahl-)Kreis.
In
einigen mathematischen oder
naturwissenschaftlichen Arbeitsfeldern und einigen Bereichen der
Grammatik baut das im Lernzirkel zu vermittelnde Wissen
logisch-systematisch aufeinander auf, so dass die Lernzirkelstationen
von allen Teilnehmer/innen in einer bestimmten Reihenfolge
durchgearbeitet werden müssen. Damit scheinen Engpässe an
den Stationen vorprogrammiert. Wenn jedoch bedacht wird, dass gute
Schüler/innen gar nicht bei der für sie zu leichten Station
1 beginnen müssen, sondern bei den Stationen 2 oder 3 einsteigen
können und andererseits am Ende des Lernzirkels anspruchsvolle
Stationen für die besonders begabten Lerner aufgebaut werden,
entschärft sich die Situation völlig. Es ist jedoch darauf
zu achten, dass alle Schüler/innen die Stationen des Fundamentum
durcharbeiten oder deren Inhalte bereits beherrschen müssen, in
der Grafik die Stationen 1 - 5. Bei logisch-systematisch
strukturierten Lernzirkeln ist auch der Begriff Lernstraße
berechtigt.
Grafiken nach Annelie Knapp, Lernzirkel, in: W. Potthoff, Lernen und üben ... a.a.O.